Abschlussinterview vom Start-Up March

Im letzten Monat haben sich einige unserer Kollegen zurückgezogen und mit Hilfe von Lean Startup neue Ideen ausprobiert, und diese nach und nach auf die Straße, bzw. ins Web gebracht. Nachdem ich sie eingangs und in der Mitte zu ihren Erfahrungen interviewt habe, folgt heute nun das Abschlussinterview. Wir scheinen ein paar Kollegen im März verloren zu haben. Zumindest haben sich nur zwei bei mir gemeldet. Die Einsichten sind aber umso spannender.

Markus Gärtner: 20 Tage im Start-Up March sind nun vorbei. Was habt Ihr gelernt?
Manuel Küblböck: Das Einholen und die Interpretation von Benutzer-Feedback ist verdammt schwer. Insbesondere am Anfang eines Projekts, wenn man nur sehr wenige bis keine Benutzer hat. Ein Werkzeug zu bauen, dass nicht unbedingt massen-kompatibel ist, erschwert das ganze noch zusätzlich. In diesem Fall ist es wohl besser mit Einzelpersonen zu sprechen, als zu versuchen statistisch irrelevante Ergebnisse zu interpretieren.
Stefan Roock: Jede Menge, ich weiß gar nicht, wo ich anfangen soll. Ich finde besonders erwähnenswert insbesondere bezogen auf den Startup-Anteil unserer Arbeit:

  • Der Ansatz, Annahmen über quantitative Daten zu belegen hat deutliche Grenzen. Erstens kann man seine Annahmen in der Regel nur belegen, aber nicht widerlegen. Wenn kein Mensch mein System benutzt, kann es bedeuten, dass es keinen Wert schafft. Vielleicht war aber auch einfach nur mein Marketing schlecht. Außerdem funktionieren quantitative Analysen schlecht, wenn man in der Anfangszeit nur wenige Benutzer hat. Ich glaube, wir haben am Anfang zu sehr auf die (nichtssagenden) Daten geguckt und haben zu spät den direkten Kontakt mit den tatsächlichen Anwendern gesucht.
  • In diesem Zusammenhang ist mir auch klar geworden, dass man bei einem Experiment nicht nur designen muss, wie man die Annahmen prüfen will. Man muss auch die Annahmen „designen“. Was uns nämlich zuerst so als Annahme eingefallen ist, war letztlich viel zu groß.Wir hatten am Anfang die Annahme, dass Kategorien ein Unique Selling Point für Discuss2Decide sein könnte. Da hängt aber zuviel dran: Erstmal müssen wir viele Leute auf die Platform kriegen. Dann müssen wir viele von denen dazu kriegen, dass sie tatsächlich Diskussionen anlegen und dann müssen viele von denen dauerhafte Nutzer des Systems werden. Da sind für den Anfang einfach zu viele „wenns“ drin. Besser wäre gewesen, die Annahme kleiner zu halten, z.B. „Wir finden einen Benutzer, der Kategorien so nützlich findet, dass er nur deshalb regelmäßig Discuss2Decide benutzt. Diese Annahme hätte man belegen und sogar widerlegen können und es hätte auch einen klaren Fokus für das Vorgehen gegeben.

Markus Gärtner: Discuss2Decide, DiscuMeter, welche weiteren Produkte sind entstanden?
Stefan Roock: Es ist bei diesen beiden Produkten geblieben. Obwohl wir uns anfänglich mit DiscuMeter besser gefühlt haben als mit Discuss2Decide war die Benutzerresonanz zu Discuss2Decide größer. Daher haben wir dort den größten Aufwand investiert und in Discuss2Decide mit sehr vielen weiteren Features und Zielgruppen experimentiert. Vielleicht wird es irgendwann eine Integration von DiscuMeter in Discuss2Decide geben.
Manuel Küblböck: Wir haben uns darauf fokussiert discuss2decide zu verbessern und kein weiteres neues Werkzeug erstellt. DiscuMeter findet sich nicht direkt darin wieder, die Idee davon kann man aber im Awareness-Feature von discuss2decide erkennen. Man kann jetzt sehen wer wann das letzte Mal an einer Diskussion teilgenommen hat und wann gegebenenfalls jemand eine Diskussion explizit verlassen hat. Wir haben somit an der Hypothese festgehalten, dass wir mit einer Diskussionsplattform ein relevantes Problem lösen. Wir hatten natürlich einige weitere Hypothesen im Verlauf der letzten beiden Wochen. Zum Beispiel, dass wir mehr Leute auf die Seite bekommen, indem wir eher „triviale“ Diskussionen wie „Wo gehen wir heute Abend hin?“ vorschlagen und diese auf Facebook bewerben.

Markus Gärtner: Welche Hypothesen hattet Ihr auf dem Weg dorthin?
Stefan Roock: Jede Menge und wie oben ausgeführt, könnten wir durch einen zu starken quantitativen Fokus viele davon weder belegen noch widerlegen. Trotzdem gab es viele Erkenntnisse.

  • Wir hatten z.B. die Annahme, dass Kategorien (z.B. Annahme, Fakt, Meinung etc.) in Beiträgen die Diskussionen übersichtlicher machen. Das ist nicht der Fall. Allerdings hatten die Kategorien einen interessanten Seiteneffekt. Die Autoren haben fokussiertere und kürzere Beiträge in Diskussionen geschrieben. Daher sind die Kategorien nach wie vor im System.
  • Wir hatten die Annahme, es sinnvoll ist, explizit die Konvergenzphase in Diskussionen zu unterstützen. Dazu haben wir Same-Different, Umfrage-Übersichten und Zusammenfassungen implementiert, die auch als nützlich empfunden werden.

Markus Gärtner: Wie geht’s weiter? Habt Ihr einen Investor gefunden, und könnt Euch die nächsten 30 Jahre zur Ruhe setzen?
Manuel Küblböck: Ja, Gott sei Dank, muss ich Montag nicht mehr zur Arbeit erscheinen :) Im Ernst, nein, wir haben (noch) keinen Investor. Unser Geschäftsmodell ist derzeit darauf ausgelegt, dass wir in Zukunft geschlossene Gruppen ein Bezahl-Feature machen. Wir werden das Projekt aber zunächst weiterhin in Freizeit und Slack voran treiben.
Stefan Roock: Nein, wir haben keinen Investor gefunden. Wir haben aber abgefahrene Ideen, was wir mit dem Geld tun würden, wenn uns jemand das System abkaufen würde. Dabei geht es nicht um den persönlichen Reichtum der Teammitglieder, sondern etwas viel cooleres. Aber das verraten wir erst, wenn jemand ausreichend Geld auf den Tisch legt :-)

Markus Gärtner: Was habt Ihr über Lean Start-Up und Agile Software Entwicklung gelernt? Was werdet Ihr zukünftig bei Eurer Arbeit anders machen?
Stefan Roock: Wir haben im Team kein Vorgehen a la Scrum oder Kanban vereinbart. Das Vorgehen hat sich herausgebildet und war weder Scrum noch Kanban. Es war deutlich radikaler: Im Schnitt ca. 15 Live-Deployments pro Tag. Product-Owner-Rolle auf das ganze Team verteilt. Die meisten User-Storys kleiner als 1/2 Tag. 3-4 Daily Scrums pro Tag. Inkrementelles User-Experience-Design und UI-Design und und ich. Es wird sicher eine Weile dauern, bis wir das alles ausgewertet haben. Es wird sicher Niederschlag finden in Vorträgen, Artikeln und Blog-Posts.
Manuel Küblböck: Für mich ist Agile eine Vorraussetzung für Lean Startup. Der gravierende Unterschied (bzw. die entscheidende Erweiterung) liegt für mich darin, dass man sich in der Lean Startup Methode immer überlegt mit welchem Experiment man eine Hypothese überprüft. Und zwar mit einem möglichst einfachen Experiment, idealerweise ohne überhaupt erst Code zu schreiben.

Markus Gärtner: Was würdet Ihr potentiellen Nachahmer mit auf den Weg geben?
Manuel Küblböck: Die Antwort ist mir zu lang für dieses Interview geworden und ich habe daraus einen eigenen Blogpost gemacht.
Stefan Roock: Das meiste steht in Steve Blanks Customer Development Manifesto.

Markus Gärtner: Vielen Dank Euch beiden. Ich hoffe, Ihr findet nach diesem aufregenden Monat die Zeit für ein wenig Erholung.

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