State of Testing 2016 – Meine Sicht

Ich habe schon lange nicht mehr hier gebloggt und normalerweise promote ich nur ungern Inhalte von anderen Leuten, um meinen Blog persönlich und auf meine persönlichen Sichtweisen fokussiert zu halten. Kürzlich wurde ich allerdings kontaktiert, ob ich einen Blogeintrag über den International 2016 State of Testing Report schreiben könne. Nachdem ich nachgefragt habe, ob es ok ist, dass ich meine persönliche Sicht auf die Daten veröffentliche, mache ich davon hier mal eine Ausnahme – auch weil ich die Autoren und Involvierten bereits persönlich kennenlernen durfte und viel von ihrer Arbeit halte. Im Kern ist das hier eine Übersetzung meines englischen Beitrags. Ich werde hier allerdings vermehrt ein paar meiner Sichtweisen zum Stand des Softwaretestens einfließen lassen.

Demografie der Umfrage – und was mir das sagt

Aus dem Report geht hervor, dass die meisten Leute aus Europa (inkl. Russland), USA und Indien kommen. Ich glaube, das deckt auch die größten geographiscne Bereiche rund um das Thema Softwaretesten ab. Ich habe also erstmal den Eindruck, dass die Daten aus dem Report repräsentativ sind.

Wenn es um Verteiltheit geht, dann gaben ca. ein Drittel der Teilnehmer an, dass sie mit Teams über vier Standorte arbeiten. Ein weiteres Drittel gab an, dass sie an einem Standort mit ihren Teamkollegen arbeiten. Ich persönlich glaube, dass diese Daten wiederspiegeln, dass einige Tester aus Out-Sourcing-Firmen an der Umfrage teilgenommen haben. Ca. zwei Drittel arbeiten mit Teamkollegen an mehr als einem Standort. Das ist schon ziemlich viel. Andererseits spiegelt es auch den Zustand der Softwareentwicklung allgemein wieder. Entgegen vielen Berichten, Artikeln und Untersuchungen zur Effektivität von Teams über mehrere Standorte entscheiden sich viele Firmen immer wieder dafür, aus Kostengründen Tätigkeiten wie das Softwaretesten an weitere Standorte auszuagern. Meiner Erfahrung nach erschwert dieses Vorgehen allerdings das Bilden von echten Teams mit einem gemeinsamen Ziel.

Die meisten Teilnehmer der Umfrage haben fünf oder mehr Jahre Erfahrung im Testen angegeben. Mein Eindruck – auch aus meiner persönlichen Vergangenheit – ist, dass die meisten neuen Tester zunächst nicht über den eigenen Tellerrand hinaus gucken. Einerseits ist das ein wenig tragisch, da die weltweite Community zum Thema Testen viel zu bieten hat, andererseits kann ich das auch nachvollziehen, da man als neuer Tester häufig erstmal mit den Grundlagen und einer guten Ausbildung kämpfen muss. Langfristig sollten wir als Industrie allerdings daran arbeiten, bessere Tester auszubilden und gerade neue Leute besser zu integrieren.

Anhand des Reports sehe ich auch, dass viele Testmanager teilgenommen haben. Das erscheint mir etwas ungewöhnlich, da es sicherlich wesentlich mehr Tester als Testmanager geben dürfte (oder sollte?) – zumindest hoffe ich das. Da stellt sich mir die Frage, dass so wenige Tester mit Leidenschaft ihrem Beruf nachgehen. Das ist einerseits tragisch, aber spiegelt – leider auch nach meiner Erfahrung – den Stand der Dinge wieder.

Wie verbringen Tester ihre Zeit außerhalb von Testtägigkeiten? Also außerhalb vom Durchführen von Tests. Diesen Abschnitt fand ich besonders spannend, da häufig ein voreingenommenes Bild gegenüber Testern herrscht und dadurch vielfach der Trend dahin geht, Studenten zum Durchführen von Testtätigkeiten heranzuholen. 51% der Zeit verbringen Tester demnach mit Dokumentation und 49% damit, die Testumgebungen vorzubereiten. Das ist natürlich etwas schräg, spiegelt aber meine Erfahrungen ebenfalls wieder. Das Tragische daran ist, dass ich das zum Großteil auf schlecht dokumentierte Open Source Tools beziehen kann und dass es mehr und mehr Programmierer nicht interessiert, wie ihr Kram getestet oder in Produktion gebracht werden kann. Gleichzeitig nehme ich wahr, dass immer mehr Organisationen Probleme mit Testdaten haben und wie sie Testdaten händeln können. Nach meiner Erfahrung spiegelt das in der Regel schlechte Testautomatisierung wieder. Ein guter automatisierter Test sollte in der Lage sein, seine eigenen Testdaten vorzubereiten – und nachher auch wieder so wegzuräumen, dass andere Tests davon nicht beeinträchtigt werden. Das Problem wird meiner Meinung nach sehr gut im Buch xUnit Test Patterns behandelt – leider kennen zu wenige Leute anscheinend dieses Buch.

Skills – und wonach man suchen sollte?

Das leitet mich auch schon direkt in den Abschnitt Skills über. Tester scheinen eine Reihe von Ansätzen zu verwenden, vor allem Exploratives Testen, was 87% der Leute angegeben haben. 68% nennen, dass sie geskriptete Tests verwenden. Meiner Erfahrung nach ist Testen selten pure exploratives Testen oder pures geskriptetes Testen. Dass die Mehrheit der Tester angegebenen haben, dass sie explorativ unterwegs sind, deute ich so, dass Context-driven Testing in den letzten Jahren immer weitere Verbreitung gefunden hat oder die Datengrundlage einseitig ist. Ich denke eher das erstere, wobei ich gerade in Deutschland immer wieder überrascht darüber bin, wie groß der Fokus auf explizite Testfalldokumentation und geskriptete Tests ist. Ich glaube, dass die Daten rund um die Skills für Deutschland dramatisch anders aussehen dürften.

Dokumentation rund ums Testen scheint auch leichtgewichtiger zu werden. Das gefällt mir. Wenn Tester 51% ihrer Zeit außerhalb des Testens mit Dokumentation verbringen, dann ist das sicherlich ein gutes Signal. Auf Konferenzen habe ich in letzter Zeit mehr und mehr Vorträge zur Verwendung von Mindmaps gesehen. Ca. ein Drittel der Teilnehmer gibt an, dass sie bereits Mindmaps benutzen. Ich halte das für ein sehr gutes Signal.

Auch wenn die Autoren des Reports behaupten, dass mehr formales Training für die Fähigkeiten von Testern gewachsen ist, gibt es immer noch jede Menge Tester, die on-the-job ausgebildet werden oder durch Mentoring. Bücher und Onlinequellen scheinen außerdem eine wichtige Bedeutung für die Skills von Testern zu haben. Ich denke, das ist ein guter Trend, da ich stark bezweifle, dass formales Training langfristig dem Softwaretesten helfen kann. Viele formale Trainings, die ich kenne, sind leider nicht Skill-basiert und können nur einen Impuls an die Teilnehmer vermitteln. Mit der weiten Verbreitung von Tester-Zertifizierungen in Deutschland, die nicht immer Skill-fokussiert sind, halte ich das für besonders schlimm, da durch diese Praxis Fähigkeiten durch ein Zertifikat vorgeheuchelt werden, ohne dass sie nachweisbar sind. Nach meiner Erfahrung ist ein Abgleich zwischen Theorie und Praxis, was ich wirklich brauche, und vor allem der Einsatz des neuen Wissens, essentiell, um nützliche Fähigkeiten aufzubauen. Das gelingt nach meiner Erfahrung besser durch on-the-job Training, Mentoring und Lesen kombiniert mit regelmäßigem Reflektieren des Gelerten.

Nicht-überraschenderweise sind Kommunikationsfähigkeiten die Nummer eins der notwendigen Fähigkeiten für Tester (78%). Nach der Umfrage sind die nächsten Fähigkeiten funktionales Testen und Automatisierung, Webtechnologien und Grundlagenwissen zu Testmethoden. Das deckt sich mit meiner Erfahrung als früherer Tester. Demzufolge wenig überraschend behaupten 86% der Befragten, dass sie Testautomatisierung verwenden.

Mehr Agile – weniger beunruhigt

Es scheint, dass Entwcklungsansätze nach dem Wasserfallmodell auf dem absteigenden Ast sind – auch in der Welt des Softwaretestens. 2015 gaben 42% der Leute an, dass sie Wasserfall verwendeten. In 2016 sind das nur noch 39%. 82% gaben an, sie verwendeten agil – vielleicht auch mal nur in einzelnen Projekten.

Aus der Historie ist die Tester Community häufig beunruhigt über ihren Job. Überraschend ist es da, dass mit mehr Agilität Tester trotzdem weniger Beunruhigung angeben. Verglichen mit 2015, wo 42% der Leute angaben, keine Angst um ihren Job zu haben, sind es in 2016 53%. Ich vermute, das liegt daran, dass einerseits mehr Context-driven Ansätze verbreitet sind und andererseits, dass die agile Community mittlerweile auch wertvolle Verwendung für Tester gefunden hat.

Das war meine Zusammenfassung einiger interessanter Aspekte von mir. Ich möchte Sie ermutigen, sich mit dem State of Testing Survey Report für weitere Details zu beschäftigen.

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