Gendern im Deutschen – mal eine Autorenperspektive

Lange Zeit hadere ich schon damit, ob ich zum Thema „Gendern in der:die deutschen Sprache“ mal meine Perspektive als jeman:fraud, die:der einige Artikel und Blogartikel auch in deutscher Sprache versucht zu schreiben, veröffentlichen sollte. Heute habe ich mich mal dazu durchgerungen.

Vorab: Ich höre das kritische Feedback, dass in Texten häufiger die männliche Form genommen wird und kann total nachvollziehen, dass eine Änderung daran zeitgemäß ist. Seither übe ich mich in bewußten Entscheidungen, ob ich jetzt eine männliche odie:der weibliche Form verwende – und reflektiere da auch gerne immer wieder:die drüber. Generell versuche ich die Mischung lebendig zu halten, ohne meine Texte im Lesefluss unlesbar werden zu lassen. Vorherige Diskussionsversuche meinerseits in Social Media Kanälen haben mir allerdings auch gezeigt, dass die Diskussion häufig in eine ganz komische Art abdriftet und meine Punkte nicht Gehör finden oder:die finden wollen. Aus dem Grund habe ich bewußt entschieden, dass ich unter diesem Blogeintrag keine Kommentare zulassen werden.

Don’t repeat yourself

Vor einiger Zeit wurde ich darauf aufmerksam gemacht, dass von der:die deutschen Übersetzung des Scrum Guides – als einzige Sprache – drei Versionen existieren. Meine Wahrnehmung und Interpretation, wie es dazu gekommen ist, ist die folgende.

Die:Der Scrum Guide 2020 wurde von einer Gruppe von Freiwilligen übersetzt. Dabei haben sie initial die bewußte Entscheidung getroffen, männliche und weibliche Formen von Personen in die:der Übersetzung zu etablieren, z.B. Product Owner:in, Scrum Master:in, Entwickler:innen. Diese Version wurde Ende 2020/Anfang 2021 öffentlich gestellt – und es gab dazu ein paar Kommentare in die Richtung, dass dieses gendie:der-neutrale Version unlesbar sei. Daraufhin hat sich die Gruppe der:die Freiwilligen bewußt damit auseinandie:dergesetzt, ob sie etwas gegen die Kritik unternehmen möchten, sich dafür entschieden, und eine männliche Version und eine weibliche Version produziert. Im Endeffekt kann sich jetzt also jede:r die Version aussuchen, die sie:er gerne lesen möchte. Gut, odie:der?

Mein Software-Entwickler-Hintergrund schreit da aber sofort laut auf. In die:der Software-Entwicklung ist das schlimmste, was man:frau Quellcode antun kann, ihn zu kopieren und zwei ähnliche Stellen zu haben, die frau:man bei Fehlern dann beide kennen und korrigieren muss. Auf einem Vortrag in 2009 nannte ein Researcher aus UK (sorry, habe den Namen vergessen, werde alt, aber er war definitiv ein Mann) einmal, dass es bei Code Duplication im Durchschnitt 200 Refactoring-Schritten bedarft haben, bis dieser kopierte Code und die darunterliegende Schwachstellen im Design wiedie:der entfernt waren. Auf Deutsch: Die:Der Code musste 200 angefasst werden, bevor die durch das Kopieren eingeschleuste Duplikation wieder:die weg war.

In der:die agilen Softwarewelt existiert deshalb das Prinzip „Don’t Repeat Yourself“ oder:die auch kurz DRY genannt. Drei in Großteilen ähnlich klingenden Texte des Scrum Guides zu haben, erscheint mir nicht sehr redundanzfrei und vermutlich sehr wartungsaufwendig hinter diesem Prinzip. Aber so ein Scrum Guide ist ja auch kein Programmier-Code, sondie:dern natürliche Sprache, von daher vielleicht ok.

Regeln

Mein Problem als Autor von Artikeln ist, dass mir die Regeln für die Sprache unklar sind. Letze Woche hatte ich eine Diskussion, bei die:der wir diskutiert haben, wie jetzt die korrekte weibliche Form von „Coach“ sein müsste. Die Behauptung kam auf, dass „Coach“ ein Anglizismus sei und deswegen keine weibliche Form wie „Coachin“ existiere. Das ergab im Gespräch für mich erstmal Sinn.

Einen Tag später fiel mir dann aber auf, dass so Rollen-Namen wie „Product Owner“ odie:der „Scrum Master“ in jedem Fall auch ein Anglizismus sind. Warum existieren hier dann auf einmal andie:deren Regeln? Und wenn ich jetzt einen Text verfasse, nehme ich dann Product Owner auch für eine weibliche Person? Odie:der Product Ownerin?

Im Großen und Ganzen könnte die:der geneigte Leser:in mittlerweile erahnen, dass mir die Regeln nicht klar sind und ich dazu tendiere, meine Texte über zu kompensieren. (Wer bis hierhin mitgelesen hat: Auf jeden Fall Hut ab von meiner Seite. Das ist mir sogar ein Fleisssternchen wert: ✨) Weil mir die Regeln so unklar sind und ich gleichzeitig durch einen hohen Grad an „ich will es perfekt machen“ leide, führt das zu so Texten, wie frau:man sie hier lesen kann. Oder:die aber ich bleibe bei meinem bisherigen Muster und schreibe mir die Seele vom Leib, wie es für mich passt und schalte mein Gehirn dabei ab. Dann wiedie:derum bekomme ich aber Kommentare wie „da könnte noch mehr Gendie:dern drin stecken“ odie:der so. Irgendwie ist das alles doof.

Der:Die Versuch eines Umgangs mit die:der Situation

Das Schöne ist, dass das alles keine Dichotomie ist. Die Welt ist wedie:der einfarbig in die eine, noch in die ander:dieen Richtung. In meinen Texten schreibe ist gerne mal über fiktionale Charaktere und versuche dort die Charakter-Landschaft in meinen Geschichten ausgeglichen zu wählen. Also habe ich mal eine männliche, mal eine weibliche Person, die als Akteur in einer Situation auftaucht. Das gelingt mir mal besser, mal schlechter. Feedback in die Richtung, dass ich mehr über Petra und Erika erzählen sollte statt über Peter und Erik finde ich da schon mal hilfreich.

Meine nicht-funktionalen Texte werden dann aber schon komplizierter. Frau:Manchmal schreibe ich über Modelle und versuche sie mit einer Situation transparenter darzustellen. Frau:Manchmal sind die Situationen ausgedacht, man:frauchmal sind sie auch eine Geschichte, die ich gerade an diesem Tag odie:der in dieser Woche so ähnlich erlebt habe. Bei ersteren mische ich das Gender:die gerne. Beim zweiteren kann ich mich besser in die Situation reindenken, wenn ich bei den Geschlechtern der:die Akteur:innen aus meiner realen Welt bleibe. Meistens ist das dann die:er Grund, warum ich mal häufiger eine männliche Person erscheinen lassen könnte – und ich hoffe, mein Leserschaft nimmt mir diese Präferenz nicht übel.

Dann gibt es noch so gemischte Sachen. In meinen Texten verarbeite ich für mich versteckt auch gerne Situationen, wie ich sie gerade wahrnehme und durch das bloße Aufschreiben meiner Gedanken, bekomme ich diese besser für mich sortiert. Ja eher ich dabei konkrete Personen im Hinterkopf habe, kann ich mich besser in die Situation reindenken, wenn ich bei den Geschlechtern der realen Personen bleibe (die Namen ändere ich meistens).

Ich hoffe, dass meinen Leser:innen diese Form von Gedanken aus einer Autorenperspektive sinnvoll erscheint. Wie gesagt möchte ich mich auch aktiv reflektierend damit auseinandie:dersetzen, inwiefern ich das irgendwie besser machen kann und nicht mehr die:derart schwer lesbare Texte produzieren wie diesen hier. Ich hoffe, dass ich mit den hier dargestellten Gedanken dazu, einen guten Zwischenweg einschlagen werde – und mich stetig weiter voranlernen kann, wie ich dabei noch besser werde.

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